Die vielen Gesichter der Wahrheit
So sehr ich auch glauben möchte, dass es nur eine einzige, allein gültige Wahrheit für die eigene Weltsicht gibt und alles Übrige falsch ist, so entspricht dies doch nicht zwangsläufig der Wirklichkeit. Insbesondere im Hinblick auf die gesellschaftlichen Gefüge menschlichen Wirkens — wie etwa in Kunst, Literatur, Recht, Politik und Religion — existieren viele Wahrheiten.
Auf dieser Seite möchte ich mich lediglich auf die Wahrheit im Hinblick auf die Religion konzentrieren; oder mit anderen Worten, auf die “spirituelle Wahrheit”.
Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen Wahrheit mit Fakten oder Beweisen verwechseln. Manchmal fallen Wahrheit und Fakten zusammen, doch bisweilen ist dies nicht zwingend der Fall.
Wahrheit ist, meines Erachtens, weitgehend subjektiv. Sie ist eine Frage der Wahrnehmung. Was für den einen wahr sein mag, muss für den anderen nicht gleichermaßen gelten. Somit steht der Glaube in engem Zusammenhang mit der Wahrheit.
Beweise oder Fakten hingegen stellen die Suche nach etwas dar, das sowohl konkret als auch schlüssig ist; daher können Bemühungen unternommen werden, eine größere Objektivität zu erreichen. Ein Beweis dient der Bestätigung oder Widerlegung der Frage, ob sich die Wahrheit durch schlüssige Evidenz stützen lässt.
Und soweit es die menschliche Erfahrung betrifft, können wir niemals zu hundert Prozent objektiv sein.
Mein persönliches Lieblingsmotto, das ich vor einigen Jahren selbst geprägt habe, lautet in Bezug auf die “Wahrheit”:
“Es gibt viele Wahrheiten,
und es gibt keine Wahrheit.”
Dieses Motto ist, wie ich weiß, sowohl unlogisch als auch widersprüchlich. Erlauben Sie mir daher, dieses eigenwillige Motto zu erläutern, obwohl ich bezweifle, dass ich es so klar und prägnant erklären kann, wie ich es gerne täte.
Wie kann es “viele Wahrheiten” geben? Und zugleich: Wie kann es “keine Wahrheit” geben?
Ich habe ein Forum besucht, in dem Christen und Muslime oft hitzig darüber debattierten, welche Religion die “richtige” sei. Jeder Gläubige argumentierte unermüdlich und beharrlich dafür, dass nur seine eigene Heilige Schrift die Wahrheit sowie den göttlichen Willen oder die Botschaft seines Gottes enthalte, weshalb alle anderen Religionen und Schriften falsch seien.
Selbst untereinander wird gestritten, sodass eine erhebliche Menge an inneren Konflikten entsteht. Katholiken, Protestanten, Anglikaner und Orthodoxe haben über die Frage gestritten, welche die wahre Kirche sei. Die Katholiken haben ihre Wahrheiten; die Orthodoxen verfügen über einen eigenen Satz an Wahrheiten, und die Protestanten haben ihre Wahrheiten. Der Mormonismus, oder die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, besitzt eine zusätzliche Heilige Schrift, das Buch Mormon, und behauptet, die wahre Kirche zu sein.
Im Islam geraten schiitische und sunnitische Muslime häufig aneinander. Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und so weiter haben unterschiedliche Glaubensvorstellungen und verfügen daher jeweils über einen eigenen Satz an Wahrheiten.
Und selbst im Atheismus besagt der eigene Regel- und Glaubenssatz bzw. die eigene Wahrheit, dass es keine Götter gibt. Atheisten glauben nicht an ein Leben nach dem Tod, also gibt es weder Himmel noch Hölle.
Wie aus den obigen Beispielen ersichtlich wird, bestätigt sich die erste Hälfte des Mottos — “viele Wahrheiten” — durchaus.
Doch wie fügt sich die andere Hälfte meines Mottos in dieses Bild ein?
Nun, wenn ich von “keiner Wahrheit” spreche, meine ich nicht zwingend, dass es “keine Wahrheit” gibt. Ich beziehe mich vielmehr darauf, dass die Religion beziehungsweise der Theismus keine einzige, einheitliche Wahrheit kennt; mit anderen Worten, es gibt keine ultimative Wahrheit.
Scheinbar verehren sowohl das Christentum als auch der Islam denselben Gott wie das Judentum, doch sie behaupten, dass nur ihre jeweiligen Schriften die wahrhaftige Darstellung dieses Gottes seien. Trotz der Gemeinsamkeiten der drei abrahamitischen Religionen lassen sie durch ihre unterschiedlichen Wahrheiten alle eine einzige ultimative Wahrheit vermissen.
Also: Welche Religion oder Sekte besitzt die “Wahrheit”?
Agnostiker glauben nicht an eine “ultimative” Wahrheit oder Wirklichkeit. Wie zuvor dargelegt, ist die Wahrheit — anders als der Fakt — wie der Glaube eine Frage der Perspektive und lässt sich nicht beweisen.
Ich bin Menschen begegnet, die sagen, dass der Glaube nicht bewiesen werden müsse, um wahr zu sein. Meines Erachtens erscheint dies nicht logisch. Wenn sich etwas nicht beweisen lässt, wie kann dann behauptet werden, dass man die Wahrheit besitze — und dies ohne schlüssige und quantifizierbare Evidenz?
Ich habe erlebt, wie Menschen das Argument der Luft anführten, wenn sie versuchten, die Existenz eines unsichtbaren Gottes zu beweisen. Luft, so sagen sie, könne man nicht sehen, aber sie sei dennoch da und existiere daher tatsächlich. Wenn unsichtbare Dinge existieren können, so auch die Existenz Gottes.
Doch ich halte dieses Beispiel für fehlerhaft.
Luft lässt sich nachweisen, ganz einfach, indem man sie in einem Behälter einschließt, etwa einem Ballon. Luft besitzt Masse und Volumen, da sie den Behälter füllt. Gott jedoch nicht. Man kann Luft messen — um ihre Masse, ihr Gewicht, ihr Volumen zu bestimmen —, doch dasselbe lässt sich nicht über Gott aussagen. Und obwohl Luft unter normalen Umständen nicht sichtbar ist, so kann sie doch auf der Haut gespürt werden, insbesondere wenn der Wind sie bewegt. Gott kann weder gesehen noch gehört noch gefühlt werden, da er seine Gegenwart nicht allen offenbart hat, sondern nur den Propheten.
Wie aber lassen sich die Worte von Propheten, Heiligen und göttlichen Boten in den Heiligen Schriften beweisen, dass Gott tatsächlich existiert? Dies kann allein durch den Glauben angenommen werden.