Catullus 5
(Lyrisches Gedicht, Lateinisch/Römisch, ca. 65 v. Chr., 13 Verse)
Einleitung
“Vivamus, mea Lesbia, atque amemus” (“Lasst uns leben, meine Lesbia, und lasst uns lieben”) ist ein leidenschaftliches Liebesgedicht des römischen Lyrikers Catull, das gemeinhin als “Catullus 5” oder “Carmina V” nach seiner Position im allgemein anerkannten Katalog der Werke von Catull bezeichnet wird. Es entstand um 65 v. Chr. und zählt vielleicht zu den bekanntesten Werken des Dichters; mitunter wird es zu den großartigsten Liebesgedichten überhaupt gezählt. Das Gedicht ermutigt die Liebenden, die Reden anderer zu ignorieren und nur füreinander zu leben, da das Leben allzu kurz ist und der Tod eine Nacht ewigen Schlafes bringt.
Inhaltsangabe
Das Gedicht beginnt mit der Aufforderung an die Geliebte des Dichters, Lesbia, den Gerüchten und Anspielungen anderer zu trotzen, und rät ihr, ihr kurzes Leben in vollen Zügen zu genießen, bevor die ewige Nacht des Todes hereinbricht. Dann bittet er Lesbia, ihm unzählige Küsse zu schenken – so viele, dass sie die Zahl verlieren und die Bösartigen und Neidischen sie nicht zur Rechenschaft ziehen können.
Analyse
Das Gedicht gehört zu den frühen Schriften des Catull über Lesbia und entstand eindeutig in einer sehr leidenschaftlichen Phase der Beziehung. “Lesbia”, die Protagonistin vieler Gedichte des Catull, war offenbar ein Pseudonym für Clodia, die Gattin des bedeutenden römischen Staatsmannes Clodius. Die Erwähnung von Gerüchten in der zweiten und dritten Zeile bezieht sich wahrscheinlich auf das den römischen Senat durchdringende Gerede, dass Catull ein Verhältnis mit Clodia hatte. Catull drängt Clodia, das Geschwätz der Leute zu missachten, um mehr Zeit mit ihm zu verbringen.
Es ist in hendecasyllabischem Versmaß verfasst (jede Zeile hat elf Silben), einer in der Dichtung des Catull häufig verwendeten Form. Das Gedicht wimmelt von Liquiden, und die Vokalelisionen sind so zahlreich, dass das Werk, laut vorgetragen, von wahrhafter Schönheit ist.
Es lässt sich in zwei Teile gliedern: Die ersten sechs Verse (bis “nox est perpetua una dormienda”) bilden eine Art atemlose Verführung, während die folgenden sieben Verse die darauf folgende Liebesvereinigung darstellen, die in einem orgiastischen Höhepunkt mit den explodierenden “b”-Laute von “conturbabimus illa” gipfelt und dann in den letzten beiden Versen zu einem ruhigen Abschluss gelangt.
Interessanterweise legt seine Erwähnung des “kurzen Lichts” des Lebens und der “ewigen Nacht” des Todes in Vers 6 eine eher pessimistische Lebensauffassung sowie den Glauben an kein Fortleben nach dem Tod nahe – eine Überzeugung, die mit der der meisten Römer jener Zeit im Widerspruch gestanden hätte. Seine Erwähnung des “bösen Blicks” in Vers 12 hängt mit dem damals verbreiteten Glauben an Hexerei zusammen, insbesondere mit der Vorstellung, dass, wenn der Böse bestimmte, für das Opfer relevante Zahlen kenne (in diesem Falle die Zahl der Küsse), jeder Fluch gegen sie weit wirkungsvoller wäre.
Als eines der gefeiertsten Gedichte des Catull, das im Laufe der Jahrhunderte vielfach übersetzt und nachgeahmt wurde, lässt sich sein Einfluss bis zur Dichtung der mittelalterlichen Troubadours sowie zu vielen späteren Autoren der romantischen Schule des 19. Jahrhunderts verfolgen. Es gab zahlreiche Ableitungen davon (die englischen Dichter Marlowe, Campion, Jonson, Raleigh und Crashaw, um nur einige zu nennen, verfassten Nachahmungen), einige subtiler als andere.
Ressourcen
- Lateinisches Original und wörtliche englische Übersetzung (WikiSource): https://en.wikisource.org/wiki/Catullus_5
- Tonaufnahme des lateinischen Originals (Klassisches Latein): http://jcmckeown.com/audio/la5103d1t06.php


