Catull 6 – Übersetzung
Einführung
Dieses Gedicht ist an Flavius über seine Geliebte gerichtet, die Catull als ungebildet und bäurisch bezeichnet. Sie stammt nach Catulls Worten nicht aus der Stadt. Da sie unraffiniert ist, verschweigt Flavius seiner Geliebten die Existenz Catulls. Catull vermutet zudem, dass Flavius sich ihrer schämt, weil sie so kränklich aussieht.
Doch Catull weiß, dass Flavius nicht zu schüchtern ist, um mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben, denn sein Bett ist mit Girlanden und Parfüm geschmückt. Auch das Kissen scheint von zwei Personen benutzt zu werden, da beide Seiten gleichermaßen abgenutzt sind. Catull weiß auch, dass das Bett seit Flavius’ sexuellen Eskapaden quietscht.
Gegen Ende des Gedichts wirft Catull dem Flavius vor, etwas Unschickliches getan zu haben, das seine Oberschenkel mitgenommen hat. Catull wünscht sich, dass sein Freund ihm von seiner Liebe anvertraut, damit er Fröhliches über sie in seinen Versen besingen könne. Catull erkennt, dass Flavius etwas im Schilde führt, doch dieser will ihm nichts über seine Liebe und seine sexuellen Abenteuer erzählen.
Da Flavius in dieser Angelegenheit so schweigsam ist, geht Catull davon aus, dass er etwas zu verbergen hat. Diese Männer müssen einander häufig von ihren Eroberungen erzählen; sie müssen einander regelmäßig ausplaudern. Wenn also einer von ihnen schweigt, muss etwas nicht stimmen. Das Einzige, was Catull mit Sicherheit annimmt, ist, dass die Frau in Flavius’ Leben hässlich ist. In Catulls Augen muss Flavius ihm nur seine Frau zeigen.
Allerdings könnte die betreffende Person auch ein Mann sein, da viele von Catulls Freunden bisexuell waren. Shakespeare verfasste ein ähnliches Gedicht, in dem es heißt, dass die Augen seiner Geliebten überhaupt nicht wie die Sonne strahlten. Dieses Gedicht handelt oberflächlich betrachtet von einer Frau. Gelehrte glauben jedoch, dass Shakespeare es an seinen männlichen Geliebten richtete. Dasselbe könnte auf Catull zutreffen, der über Flavius’ Frau schreibt, die in Wahrheit ein Mann ist — der als Frau außerordentlich hässlich wäre.
Carmen 6
| Zeile | Lateinischer Text | Deutsche Übersetzung |
|---|---|---|
| 1 | FLAVI, delicias tuas Catullo, | Flavius, wenn deine Geliebte |
| 2 | ni sint illepidae atque inelegantes, | nicht bäurisch und ungebildet wäre, |
| 3 | uelles dicere nec tacere posses. | würdest du deinem Catull von ihr erzählen wollen; du könntest nicht anders. |
| 4 | uerum nescio quid febriculosi | Aber (ich bin mir sicher) du liebst irgend ein |
| 5 | scorti diligis: hoc pudet fateri. | kränklich aussehendes Mädchen; und du schämst dich, es zuzugeben. |
| 6 | nam te non uiduas iacere noctes | Doch obwohl du schweigst, verrät das Bett selbst |
| 7 | nequiquam tacitum cubile clamat | mit seinen Girlanden und syrischem Parfüm, |
| 8 | sertis ac Syrio fragrans oliuo, | dass du nicht allein schläfst, |
| 9 | puluinusque peraeque et hic et ille | ebenso wie das Kissen, das auf dieser und jener Seite gleichermaßen abgenutzt ist, |
| 10 | attritus, tremulique quassa lecti | auf beiden Seiten gleichermaßen, und das Schütteln des Bettes, |
| 11 | argutatio inambulatioque. | wie es quietscht und sich bewegt. |
| 12 | nam non stupra ualet nihil tacere. | Es nützt nichts, über deine sexuellen Eskapaden zu schweigen. |
| 13 | cur? non tam latera ecfututa pandas, | Warum? Du würdest nicht solche sexuell erschöpften Oberschenkel zeigen |
| 14 | ni tu quid facias ineptiarum. | wenn du nicht etwas Unschickliches tätest. |
| 15 | quare, quidquid habes boni malique, | Nun denn, was auch immer du zu erzählen hast, Gutes oder Schlechtes, |
| 16 | dic nobis. uolo te ac tuos amores | verrate es mir. Ich möchte dich und deine Liebe |
| 17 | ad caelum lepido uocare uersu. | durch die Kraft meiner fröhlichen Verse in den Himmel erheben. |
