Heracleidae (Euripides)
Heracleidae oder Die Kinder des Herakles (gr.: Herakleidai) ist eine Tragödie des antiken griechischen Dramatikers Euripides, die erstmals um 430 oder 429 v. Chr. aufgeführt wurde. Sie handelt von den Kindern des Herakles (kollektiv als Heracleidae bekannt) und ihren Beschützern, während sie die Hilfe von Demophon und der Stadt Athen gegen die Rache des Eurystheus von Argos suchen, obwohl das Stück weithin als politisches und patriotisches Werk des Euripides gilt, das während der schwierigen Zeit verfasst wurde, die Athen durchlebte.
(Tragödie, Griechisch, ca. 430 v. Chr., 1.055 Verse)
Zusammenfassung
Dramatis Personae
- IOLAOS, Freund des Herakles
- KOPREUS, Herold des Eurystheus
- DEMOPHON, Sohn des Theseus und König von Athen
- MAKARIA, Tochter des Herakles
- DIENER des Hyllos, Sohn des Herakles
- ALKMENE, Mutter des Herakles
- BOTE
- EURYSTHEUS, König von Argos
- CHOR DER ALTEN ATHENER
- AKAMAS, Bruder des Demophon
Iolaos, der Neffe des Herakles und sein Gefährte während der Zwölf Arbeiten, nun aber ein alter Mann, verbirgt sich mit den vaterlosen Kindern des Herakles am Altar des Tempels des Zeus in Marathon nahe Athen. Sie sind von Stadt zu Stadt gewandert, während Iolaos versucht, sie vor dem rachsüchtigen König Eurystheus von Argos zu schützen, der geschworen hat, sie zu töten. Ein Herold des Eurystheus erscheint und fordert sie erneut auf, nach Argos zurückzukehren, um die Konsequenzen zu erleiden, und Iolaos fleht den Chor der alten Athener an, Mitleid zu zeigen und ihnen zu helfen.
Demophon, der Sohn des Theseus und König von Athen, trifft ein, um die Geschichte anzuhören, und fordert den Herold auf, die Forderungen des Eurystheus zu rechtfertigen. Iolaos nennt seine eigenen Gründe, warum Demophon ihnen beistehen sollte (darunter die Verwandtschaft mit Herakles und dessen frühere Hilfe für seinen Vater), und seine Argumente reichen aus, um Demophon zu überzeugen, der den Herold abweist und Athen damit faktisch in den Krieg mit Eurystheus und Argos bringt. Der Chor warnt davor, dass dies kein leichtfertiger Schritt sein darf, doch Demophon besteht darauf, dass Athen stets ein Freund der Freundlosen gewesen sei, und ist zuversichtlich, dass die Heracleidae stets dankbar sein werden.
Eurystheus und das argivische Heer treffen ein und beginnen, die athenische Verteidigung zu bedrängen. Ein Orakel hat geweissagt, dass Athen nur dann siegen wird, wenn eine Jungfrau von edlem Geblüt geopfert wird, und Demophon ist nicht bereit, sein eigenes Volk um ein solches Opfer zu bitten. Makaria jedoch, die älteste Tochter des Herakles, belauscht das Gespräch und bietet sich freiwillig als Opfer an. Sie nimmt liebevoll Abschied von ihren Geschwistern, und der Chor preist ihren edlen Tod.
Herakles’ Sohn Hyllos kehrt von seiner Mission zurück, auf der er Unterstützung für ihre Sache suchte, und bringt die Nachricht, dass er Verstärkung für Demophon im Kampf gegen Eurystheus auftreiben konnte. Der alte und schwache Iolaos besteht darauf, sich in die Schlacht zu begeben, und bald bringt ein Bote die Nachricht, dass die vereinten Kräfte gesiegt haben und dass Iolaos sich insbesondere in der Schlacht ausgezeichnet hat, wobei er auf wundersame Weise verjüngt erschien.
Eurystheus, der die Herausforderung zum Zweikampf mit Hyllos abgelehnt hatte, war während der Schlacht von Iolaos gefangen genommen worden, und er wird nun herbeigebracht, um dem Zorn von Herakles’ Mutter Alkmene gegenüberzutreten. Zu seiner Verteidigung behauptet Eurystheus, dass er die Verfolgung von Herakles und seiner Familie nicht aus eigener Befriedigung gesucht, sondern durch die Göttin Hera dazu gezwungen worden sei. Alkmene besteht darauf, ihre Rache an Eurystheus zu nehmen, indem sie ihm das Leben nimmt, selbst wenn dies gegen die athenischen Gesetze verstößt. Eurystheus verkündet daraufhin eine Prophezeiung, dass sein Geist die Stadt vor den Nachfahren der Heracleidae schützen wird, falls sie ihn töten und bestatten. Die Athener fügen sich diesem höheren Gesetz, und Eurystheus wird hingerichtet.
Analyse
Heracleidae wird im Allgemeinen als im Wesentlichen ein patriotisches Werk des Euripides betrachtet, verfasst zur größeren Ehre Athens während einer Zeit großer Instabilität und Unsicherheit, als die Stadt in den frühen Phasen des Peloponnesischen Krieges wiederholt von Sparta angegriffen wurde. Das Stück strotzt vor Anspielungen und Appellen an die Vaterlandsliebe und die Verteidigung der Schwachen, und obwohl der Stoff dem üblichen Zyklus der Sagen und Mythen entnommen ist, wird er mit direktem Blick auf zeitgenössische Ereignisse behandelt (ähnlich wie die “Die Perser” des Aischylos). Euripides nahm zugunsten seiner patriotischen Ziele auch einige Freiheiten mit der überlieferten Handlung vor: Eurystheus fiel nicht in der Schlacht, sondern wurde lebend gefangen, was ihm die Gelegenheit gab, Argos zu verwerfen und den Erfolg Athens zu prophezeien.
Die zentralen Themen des Stückes – Frömmigkeit gegenüber den Göttern, Schutz der Unterdrückten und Stolz auf edles Geblüt, die von den Athenern als nationale Tugenden betrachtet wurden – waren dazu angetan, patriotische Gefühle im athenischen Publikum zu wecken. Die Wahl von Marathon (einem den Athenern teuren Ort, wo Athen einstmals die Flut der “Barbarei” zurückgeschlagen hatte) als Schauplatz des Stückes war ebenfalls gezielt darauf angelegt, patriotische Emotionen im Publikum hervorzurufen.
Die Handlung ist etwas disparat und richtet ihr Augen bald auf die Nöte des Demophon als verfassungsmäßigem Herrscher Athens, bald auf das heldenhafte Selbstopfer der jungen Makaria, bald auf den verurteilten Eurystheus und bald auf den Beschützer der Heracleidae, Iolaos. Einige Kritiker haben bemängelt, dass nach dem Höhepunkt, der mit dem heldenhaften Opfer der Makaria zur Sicherung des Sieges von Athen relativ früh im Stück erreicht wird, wenig Spannendes übrig bleibt.
Quellen
- Englische Übersetzung von E. P. Coleridge (Internet Classics Archive): http://classics.mit.edu/Euripides/heracleidae.html
- Griechische Version mit Wort-für-Wort-Übersetzung (Perseus Project): http://www.perseus.tufts.edu/hopper/text.jsp?doc=Perseus:text:1999.01.0103



