Catull 102 – Übersetzung
Einleitung In Gedicht 102 spricht Catull über seine Fähigkeit, ein vertrauenswürdiger Freund zu sein. In den Versen eins und zwei spricht er darüber, wie ein Freund ein Geheimnis einem treuen und loyalen Freund im Vertrauen anvertrauen kann. Dann, in den Versen drei und vier, erklärt Catull, dass er durch den Ritus der Treue geweiht sei. Er schließt das Gedicht mit den Worten, er könne Harpokrates sein.
Für diejenigen, die es nicht wissen: Harpokrates war der Gott des Schweigens und der vertraulichen Geheimnisse. Catull behauptet, man könne ihm ebenso vertrauen wie dem Gott. Catull teilt seine Persönlichkeitseigenschaft, ein Hüter von Geheimnissen zu sein, mit Cornelius.
Cornelius tritt im ersten Catull-Gedicht auf und erneut in Gedicht 102. Cornelius war Dichter und Kritiker. In Gedicht 102 ist Catull daran interessiert, Cornelius seine Treue zu beweisen. Er ist Cornelius ergeben und würde versprechen, Geheimnisse zu wahren. Da Catull das Geheimnis jedoch für sich behält, verrät er im Gedicht nicht, worum es sich handelt. Was auch immer dieses Geheimnis sein mag — es muss für Catull von solchem Wert sein, dass er in diesem Gedicht über dessen Wahrung schreibt.
Catull spricht häufig über sich selbst im Verhältnis zu anderen Autoren. In vielen seiner Gedichte neigt Catull zur Selbstironie. Doch in diesem Gedicht stellt er sein Können zur Schau und rühmt seine Fähigkeit, treu, vertrauenswürdig und geweiht zu sein.
Die Wortwahl “geweiht” ist bemerkenswert. Sie wird gemeinhin im Zusammenhang mit göttlichen Zwecken verwendet. Auch spricht er von Riten, die ebenfalls mit dem Göttlichen verbunden sind. Catull schreibt zwar über den Gott des Schweigens und der Geheimnisse, doch die Riten und die Weihe beziehen sich eher auf das Wahren von Geheimnissen und die Treue als auf die bloße Erwähnung eines Gottes.
Die Wortwahl lässt die Frage aufkommen, was Catull tatsächlich von Cornelius dachte. Verehrte er den Autor? Wie bedeutsam war das Geheimnis, das ihn dazu veranlasste, ein ganzes Gedicht über seine Fähigkeit zu verfassen, eines zu wahren?
Carmen 102
| Vers | Lateinischer Text | Deutsche Übersetzung |
|---|---|---|
| 1 | SI quicquam tacito commissum est fido ab amico, | WENN jemals ein Geheimnis einem verschwiegenen, treuen Freund anvertraut wurde, |
| 2 | cuius sit penitus nota fides animi, | dessen Herzens treu vollkommen bekannt ist, |
| 3 | meque esse inuenies illorum iure sacratum, | wirst du finden, dass ich durch ihr Recht geweiht bin, |
| 4 | Corneli, et factum me esse puta Arpocratem. | Cornelius, und du kannst mich für einen wahren Harpokrates halten. |
