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Catull 66 Übersetzung

Classical

Einführung

Catull 66 entstand, während der Dichter um den Tod seines Bruders trauerte. Das Gedicht handelt jedoch nicht vom Tod, sondern von Berenice, der Tochter des Königs Magas von Kyrene. In ihrer Geschichte gelobte die ägyptische Prinzessin, den Göttern eine Locke ihres Haares zu opfern, wenn sie die sichere Rückkehr ihres Gatten aus Syrien gewährten. Sie übergab die Haarlocke, doch am folgenden Tag war sie verschwunden.

Berenice verfügte über einen Hofastronomen namens Konon, der behauptete, die Locke unter den Sternen erblickt zu haben. Er glaubte, die Götter hätten sie dorthin versetzt, und benannte das neue Sternbild Coma Berenices. In diesem Gedicht erzählt Catull die Geschichte von Berenices Haarlocke und Konon, der sie findet.

Während das Gedicht die Erzählung entfaltet, gibt es Momente, in denen Catull seine wahren Gedanken offenbart. In den Versen 21–23 schreibt er über Tränen, die nicht um ein verlassenes Bett vergossen wurden, sondern um den Verlust eines Bruders. Dieser Schmerz “nagte am innersten Mark” des Herzens. In den darauf folgenden Versen, in denen Catull seine Trauer mitteilt, schildert er, welche Betrübnis Berenice empfunden haben muss, während ihr Gatte in Syrien Krieg führte.

In Vers 47 fragt er: “Was sollen Haarlocken ausrichten, wenn selbst solche Dinge dem Stahl weichen?” Es scheint, als sinne Catull darüber nach, wie vergänglich Dinge wie Haupthaar sind, die wenig bedeuten, wenn ein Geliebter stirbt oder dem Stahl erliegt. Solche Momente zeigen, wie bruchstückhaft das Gedicht wirkt, da Catull es inmitten tiefster Trauer verfasste.

Trotz der fragmentarischen Erzählung ist das Gedicht erfüllt von Bildsprache und Anspielungen. Er erwähnt zahlreiche mythologische Gestalten wie Kallisto, Venus, Orion, den äthiopischen Memnon und viele weitere. Diese verleihen dem Gedicht Leben und machen es der Lektüre würdig.

Carmen 66

VersLateinischer TextDeutsche Übersetzung
1OMNIA qui magni dispexit lumina mundi,KONON, der alle Lichter des weiten Himmels musterte,
2qui stellarum ortus comperit atque obitus,der die Aufgänge der Sterne und ihre Untergänge erkannte,
3flammeus ut rapidi solis nitor obscuretur,wie die flammende Pracht der schnellen Sonne verdunkelt wird,
4ut cedant certis sidera temporibus,wie die Sterne zu bestimmten Zeiten weichen,
5ut Triuiam furtim sub Latmia saxa releganswie süße Liebe die Trivia von ihrem luftigen Kreis herabrufend
6dulcis amor gyro deuocet aereo:sie heimlich in die Felsenhöhlen des Latmos verbannt —
7idem me ille Conon caelesti in limine uiditjener selbe Konon sah mich leuchtend unter den Lichtern des Himmels,
8e Beroniceo uertice caesariemmich, die Locke vom Haupt der Berenice,
9fulgentem clare, quam multis illa dearummich, die sie vielen der Göttinnen gelobte,
10leuia protendens brachia pollicita est,ihre glatten Arme ausstreckend,
11qua rex tempestate nouo auctus hymenaeoin jener Jahreszeit, als der König, gesegnet durch seine neue Vermählung,
12uastatum finis iuerat Assyrios,ausgezogen war, die assyrischen Grenzen zu verwüsten,
13dulcia nocturnae portans uestigia rixae,die süßen Spuren unserer nächtlichen Kämpfe tragend,
14quam de uirgineis gesserat exuuiis.die er errungen durch die Überwindung meiner Jungfräulichkeit.
15estne nouis nuptis odio Venus? anne parentumWird Venus von den Bräuten gehasst? Und verspotten sie
16frustrantur falsis gaudia lacrimulis,die Freude der Eltern mit falschen Tränen,
17ubertim thalami quas intra limina fundunt?die sie reichlich vergießen innerhalb der Pforten ihrer Brautgemächer?
18non, ita me diui, uera gemunt, iuerint.Nein, so mir die Götter helfen, sie klagen nicht wahrhaftig.
19id mea me multis docuit regina querellisDies lehrte mich meine Königin durch all ihre Klagen,
20inuisente nouo proelia torua uiro.als ihr frisch angetrauter Gemahl zum grausamen Krieg auszog.
21et tu non orbum luxti deserta cubile,Aber deine Tränen galten wahrlich nicht der Verlassenschaft deines verwitweten Bettes,
22sed fratris cari flebile discidium?sondern dem schmerzlichen Abschied von deinem teuren Bruder,
23quam penitus maestas exedit cura medullas!als die Sorge das innerste Mark deines traurigen Herzens nagte.
24ut tibi tunc toto pectore sollicitaeWie versagte da aus deiner ganzen Brust dein ängstlicher
25sensibus ereptis mens excidit! at ego certeGeist, der Sinne beraubt! Und doch wahrlich
26cognoram a parua uirgine magnanimam.kannte ich dich als hochherzig von früher Jugend an.
27anne bonum oblita es facinus, quo regium adepta esHast du die tapfere Tat vergessen, durch die du eine königliche
28coniugium, quod non fortior ausit alis?Ehe errangst, die kein anderer zu wagen und somit den Ruhm des Tapfereren zu erlangen vermochte?
29sed tum maesta uirum mittens quae uerba locuta est!Aber was für Worte sprachst du damals in deinem Kummer, als du dich von deinem Gatten trenntest!
30Iuppiter, ut tristi lumina saepe manu!Wie oft, o Jupiter, wischtest du die Tränen mit deiner Hand!
31quis te mutauit tantus deus? an quod amantesWelch mächtiger Gott hat dich so verwandelt? Ist es, weil Liebende
32non longe a caro corpore abesse uolunt?nicht fern von der Seite des Geliebten weilen können?
33atque ibi me cunctis pro dulci coniuge diuisUnd dort gelobtest du mich allen Göttern für das Wohl deines teuren Gatten,
34non sine taurino sanguine pollicita es,nicht ohne Stierblut,
35si reditum tetulisset. is haut in tempore longowenn er sicher heimkehre. Er kehrte nach nicht langer Zeit zurück
36captam Asiam Aegypti finibus addiderat.und hatte das eroberte Asien den Grenzen Ägyptens einverleibt.
37quis ego pro factis caelesti reddita coetuDas ist geschehen; nun werde ich der Schar des Himmels übergeben
38pristina uota nouo munere dissoluo.und löse eure früheren Gelübde mit einer neuen Gabe.
39inuita, o regina, tuo de uertice cessi,Widerwillig, o Königin, wurde ich von deinem Haupte getrennt,
40inuita: adiuro teque tuumque caput,widerwillig, ich schwöre bei dir und bei deinem Haupt;
41digna ferat quod si quis inaniter adiurarit:bei dem, wer auch immer eitel schwört, möge er gerechten Lohn empfangen.
42sed qui se ferro postulet esse parem?Doch wer kann sich rühmen, dem Stahl ebenbürtig zu sein?
43ille quoque euersus mons est, quem maximum in orisAuch jener Berg wurde gestürzt, der größte an jenen Gestaden,
44progenies Thiae clara superuehitur,den der glänzende Sohn der Thia durchschreitet,
45cum Medi peperere nouum mare, cumque iuuentusals die Meder ein neues Meer schufen, und als die Jugend
46per medium classi barbara nauit Athon.Persiens mit ihrer Flotte durch die Mitte des Athos fuhr.
47quid facient crines, cum ferro talia cedant?Was sollen Haarlocken ausrichten, wenn selbst solche Dinge dem Stahl weichen?
48Iuppiter, ut Chalybon omne genus pereat,Jupiter, möge das ganze Geschlecht der Chalyber zugrunde gehen,
49et qui principio sub terra quaerere uenasund jener, der als erster begann, unter der Erde nach Adern zu suchen,
50institit ac ferri stringere duritiem!und harte Eisenbarren zu schmieden!
51abiunctae paulo ante comae mea fata sororesMeine Schwesternlocken, kurz zuvor von mir getrennt, klagten um mein Schicksal,
52lugebant, cum se Memnonis Aethiopisals der leibliche Bruder des äthiopischen Memnon erschien,
53unigena impellens nutantibus aera pennisdie Luft mit schlagenden Flügeln durchstoßend,
54obtulit Arsinoes Locridis ales equos,der geflügelte Diener der lokrischen Arsinoe.
55isque per aetherias me tollens auolat umbrasUnd er hob mich empor und flog durch die Lüfte des Himmels
56et Veneris casto collocat in gremio.und bettete mich im heiligen Schoß der Venus.
57ipsa suum Zephyritis eo famulum legaratDazu hatte die Herrin von Zephyrion, die griechische Königin,
58Graiia Canopitis incola litoribus.die an den Ufern von Kanopos weilt, selbst ihren eigenen Diener entsandt.
59hi dii uen ibi uario ne solum in lumine caeliDann Venus — auf dass unter den mancherlei Lichtern des Himmels
60ex Ariadnaeis aurea temporibusnicht nur die goldene Krone von den Schläfen der Ariadne
61fixa corona foret, sed nos quoque fulgeremusbefestigt sei, sondern auch ich erstrahlen möge,
62deuotae flaui uerticis exuuiae,die geweihte Beute der sonnendurchfluteten Locke der Berenice,
63uuidulam a fluctu cedentem ad templa deum memich, von Tränen naß, an die Wohnungen der Götter versetzt,
64sidus in antiquis diua nouum posuit.mich als neues Sternbild unter die alten Sterne setzte die Göttin;
65Virginis et saeui contingens namque Leonisdenn ich, die Feuer der Jungfrau und des rasenden Löwen berührend,
66lumina, Callisto iuncta Lycaoniae,und nahe bei Kallisto, der Tochter des Lykaon,
67uertor in occasum, tardum dux ante Booten,neige ich meinem Untergang zu, als Wegweiser vor dem trägen Bootes,
68qui uix sero alto mergitur Oceano.der sich spät in der Nacht kaum in den tiefen Ozean senkt.
69sed quamquam me nocte premunt uestigia diuum,Doch obwohl mich des Nachts die Schritte der Götter dicht bedrängen,
70lux autem canae Tethyi restituitwerde ich bei Tag der grauen Tethys zurückgegeben,
71(pace tua fari hic liceat, Ramnusia uirgo,(mit deiner Duldung sei mir hier zu sprechen vergönnt, o Jungfrau von Rhamnus;
72namque ego non ullo uera timore tegam,keine Furcht soll mich die Wahrheit verbergen heißen,
73nec si me infestis discerpent sidera dictis,nein, selbst wenn die Sterne mich mit zornigen Worten zerfleischen,
74condita quin ueri pectoris euoluam),will ich nicht zögern, die Geheimnisse eines wahrhaften Herzens auszusprechen),
75non his tam laetor rebus, quam me afore semper,nicht so sehr freue ich mich dieses Glücks, als darüber betrübe ich mich, dass getrennt,
76afore me a dominae uertice discrucior,ewig getrennt muss ich sein vom Haupte meiner Gebieterin;
77quicum ego, dum uirgo quondam fuit omnibus expersmit der ich einst, als sie noch Jungfrau war, sich erfreuend
78unguentis, una milia multa bibi.an mancherlei Salben, Tausende kostete.
79nunc uos, optato quas iunxit lumine taeda,Nun, ihr Jungfrauen, wenn die Fackel euch mit willkommenem Licht vereint hat,
80non prius unanimis corpora coniugibusgebt eure Leiber nicht euren liebenden Gatten,
81tradite nudantes reiecta ueste papillas,eure Brüste entblößend mit geöffnetem Gewand,
82quam iucunda mihi munera libet onyx,bevor das Onyxgefäß mir angenehme Gaben dargebracht hat,
83uester onyx, casto colitis quae iura cubili.das Gefäß, das euer ist, die ihr die Ordnung der keuschen Ehe ehrt.
84sed quae se impuro dedit adulterio,Doch jene, die sich dem schändlichen Ehebruch hingibt,
85illius a mala dona leuis bibat irrita puluis:ach, der leichte Staub trinke ihre nichtigen Gaben unangesegnet:
86namque ego ab indignis praemia nulla peto.denn ich begehre keine Gaben von den Unwürdigen.
87sed magis, o nuptae, semper concordia uestras,Sondern vielmehr, o Bräute, möge Eintracht für immer weilen
88semper amor sedes incolat assiduus.in euren Häusern, stets die Liebe wohnend.
89tu uero, regina, tuens cum sidera diuamUnd du, meine Königin, wenn du zu den Sternen emporschauend
90placabis festis luminibus Venerem,die Venus mit festlichen Lampen versöhnst,
91unguinis expertem non siris esse tuam me,lass mich, deine Magd, nicht ohne Salben sein,
92sed potius largis affice muneribus.sondern eher bereichere mich mit reichen Gaben.
93sidera corruerint utinam! coma regia fiam,Warum halten mich die Sterne hier? Ich möchte wieder der Locke der Königin sein;
94proximus Hydrochoi fulgeret Oarion!und Orion möge neben dem Wassermann erstrahlen!

Quellen

VRoma-Projekt

Erstellt:1. Januar 2025

Geändert:27. Oktober 2024