Catull 97 – Übersetzung
Einleitung
Dies ist ein weiteres Gedicht, das viele Leser als anstößig empfinden. Darin schreibt Catull über einen widerlichen Mann namens Aemilius. Die ersten beiden Verse lassen den Leser fragen, wohin Catull damit will, denn er sagt, es mache keinen Unterschied, ob er an dem Kopf oder dem Hintern des Mannes geschnuppert habe. Doch wird er es nicht wirklich tun, wie sich in den nächsten Versen herausstellt. Catull sagt, dass Aemilius’ Hintern vielleicht besser riecht und klüger ist als sein Kopf.
In den Versen fünf und sechs erwähnt Catull, dass Aemilius’ After besser sei als sein Mund, weil er keine Zähne habe, und seine Zähne “eine halbe Elle lang” seien mit Zahnfleisch wie ein alter Karrenrahmen. Dieser Mann ist durch und durch abstoßend. Das Zahnfleisch hat Spalten, die wie die “Scheide einer Maultiers beim Urinieren” aussehen. Catulls Schmähungen stehen denen Shakespeares in nichts nach, und Catulls kamen zuerst.
Überraschenderweise hat dieser abstoßende Mann Geschlechtsverkehr mit “mancher Frau”, wie wir in Vers neun erfahren. Er sei charmant, doch Catull fragt sich, wie die Frauen ihn nicht übergangen und stattdessen den Esel in der Mühle ausgewählt haben. Dann beleidigt Catull die Frauen, die ihn erwählten, und sagt, sie wären fähig, “den After eines kranken Henkers zu lecken” in Vers zwölf.
Es gibt keine Subtilität in diesem Gedicht. Aemilius ist so widerlich wie ein Toter am Galgen, und der Ton dieses Gedichts ist wahrheitsgemäß, nicht spöttisch oder sarkastisch. Es ist nichts Leichtfertiges oder Lustiges darin. Catull mag die Lücke in Aemilius’ Mund nicht, und er muss furchtbar riechen. Es gibt andere Gedichte, in denen Catull die Art und Weise beleidigt, wie manche Männer riechen. Kulturell muss es für die Römer wichtig gewesen sein, dass Männer badeten, und es scheint, als wüsste Aemilius nicht, wie er seinen Körper oder seine Zähne pflegen soll. Dass Frauen mit ihm schlafen, ist für Catull erstaunlich, und es sollte auch die Leser erstaunen.
Carmen 97
| Vers | Lateinischer Text | Deutsche Übersetzung |
|---|---|---|
| 1 | NON (ita me di ament) quicquam referre putaui, | ICH schwöre bei den Göttern, ich glaubte nicht, dass es einen Strohhalm Unterschied macht, |
| 2 | utrumne os an culum olfacerem Aemilio. | ob ich an Aemilius’ Kopf oder seinen After roch: |
| 3 | nilo mundius hoc, nihiloque immundius illud, | keines war besser oder schlechter als das andere; |
| 4 | uerum etiam culus mundior et melior: | oder vielmehr sein After war der Bessere und Klügere von beiden, |
| 5 | nam sine dentibus est. hic dentis sesquipedalis, | denn er hat keine Zähne. Sein Mund hat Zähne von einer halben Elle Länge, |
| 6 | gingiuas uero ploxeni habet ueteris, | Zahnfleisch überdies wie ein alter Karrenrahmen, |
| 7 | praeterea rictum qualem diffissus in aestu | ferner einen Rachen, wie man ihn im Sommer findet, |
| 8 | meientis mulae cunnus habere solet. | an der Scheide eines Maultiers beim Urinieren. |
| 9 | hic futuit multas et se facit esse uenustum, | Er hat mit mancher Frau Geschlechtsverkehr und stellt sich als Charmeur dar, |
| 10 | et non pistrino traditur atque asino? | und wird dennoch nicht der Mühle und ihrem Esel übergeben? |
| 11 | quem siqua attingit, non illam posse putemus | Wenn ihn eine Frau berührt, sollten wir nicht denken, dass sie fähig ist, |
| 12 | aegroti culum lingere carnificis? | den After eines kranken Henkers zu lecken? |