Catull 96 – Übersetzung
Einleitung
Catull schrieb oft Verse über seine Freunde, und dies ist eines dieser Gedichte. Er schrieb über den Tod seines Freundes Calvus und seiner Geliebten Quintilla. Nach der Art, wie das Gedicht verfasst ist, scheint es, als seien beide verstorben und genössen ihre Liebe gemeinsam jenseits des Grabes. Dieses Gedicht trägt einen Ton der Güte und der Sehnsucht, denn Catull scheint um seine Freunde zu trauern.
In den Versen eins und zwei schrieb Catull darüber, wie das stille Grab einigen Trost oder Süße aus der Trauer empfangen könnte. In den Versen drei und vier schrieb er über den Schmerz und das Bedauern, das Lieben wieder aufleben lässt und um verlorene Freundschaften weinen macht. In den Versen fünf und sechs schrieb er über Quintilla, die mehr Schmerz über ihren Tod empfindet als Liebe zu ihm.
Es ist schwer zu unterscheiden, ob Calvus und Quintilla beide tot sind oder nur einer von beiden. Die Stille aus dem Grab scheint von beiden zu kommen. Da Catull Calvus in Vers zwei direkt anspricht, scheint dieser verstorben zu sein. Und in Vers fünf schrieb Catull, dass Quintilla einen “allzu frühen Tod” erlitt. Sie empfindet Schmerz über den Tod, doch nicht mehr Schmerz als Freude durch seine Liebe.
Da ihre Liebe nicht verloren ist, scheinen ihre “alten Lieben wieder aufzuleben” in ihrem Tod und ihrer gemeinsamen Zeit im Jenseits. Die Andeutungen, dass sie im Jenseits vereint sind – oder im “stillen Grab” – finden sich bereits im ersten Vers, in dem das Grab Freude oder Süße empfangen könnte.
In Vers vier erwähnt Catull Freundschaften im Plural. Dies könnte ebenfalls bestätigen, dass die beiden tot sind und einander jenseits des Grabes genießen. Doch es scheint, als erlebe Catull selbst einigen Schmerz und einige Reue darüber, wie Liebe durch das Weinen um verlorene Freundschaften wieder lebendig wird. Catull schrieb nicht viele traurige Gedichte, doch dies ist eines davon.
Carmen 96
| Vers | Lateinischer Text | Deutsche Übersetzung |
|---|---|---|
| 1 | SI quicquam mutis gratum acceptumque sepulcris | WENN das stille Grab irgendeine Freude oder Süße empfangen kann |
| 2 | accidere a nostro, Calue, dolore potest, | aus unserem Schmerz, Calvus, |
| 3 | quo desiderio ueteres renouamus amores | aus dem Verlangen, mit dem wir unsere alten Lieben wieder aufleben lassen, |
| 4 | atque olim missas flemus amicitias, | und um längst verlorene Freundschaften weinen, |
| 5 | certe non tanto mors immatura dolori est | gewiss empfindet Quintilla weniger Schmerz über ihren allzu frühen Tod, |
| 6 | Quintiliae, quantum gaudet amore tuo. | als Freude durch deine Liebe. |
