Catull 91 – Übersetzung
Einleitung
In Catull 91 wendet sich der Dichter an Gellius. Darin spricht er Gellius an und erwähnt dessen Beziehung zu einer Frau, die weder seine Mutter noch seine Schwester war. In den Versen eins und zwei hoffte Catull, dass Gellius ihm inmitten der elenden und verderblichen Liebe treu bleiben würde. In Vers drei schrieb Catull, dass er Gellius weder kannte noch ihn für ehrenhaft hielt. Catull wusste, dass Gellius niedrig und lasterhaft war.
Was Catull jedoch bedrängt, ist die Tatsache, dass die Frau, die ihn verzehrte, nicht mit ihm verwandt war. Nach der Lektüre anderer Gedichte Catulls könnten die Leserinnen und Leser annehmen, dass er über Lesbia schreibt. Catull schrieb oft darüber, wie Lesbia ihn verzehrte.
In den Versen sieben und acht schrieb Catull darüber, dass er mit Gellius verbunden war, jedoch nur durch Freundschaft und eine vertraute solche. Er hielt dies nicht für einen ausreichenden Grund für Gellius, ließ den Satz jedoch dort stehen. In den Versen neun und zehn nennt Catull den Grund, den Gellius benötigt: die Freude an einem unehrenhaften Laster.
Catull glaubte, dass seine Geliebte Lesbia vor den Nachstellungen Gellius’ sicher sei, da dessen bisherige Beziehungen mit seiner Mutter und seiner Schwester bestanden hatten. Doch es scheint, dass Gellius geschlechtliche Beziehungen mit Lesbia unterhielt. Nach Catulls Auffassung besitzt dieser Mann keinerlei Ehre und hat eine ungesunde sexuelle Begierde — gleich einem Laster oder einem Bedürfnis, das ständig gestillt werden muss.
Da dieses Gedicht höchstwahrscheinlich von Gellius’ geschlechtlichen Beziehungen mit Lesbia handelt, ist es leicht zu verstehen, warum Catull ihn so sehr hasst. Catull verachtet ihn zwar bereits für seine inzestuösen Beziehungen, doch die Beziehungen mit Lesbia hätten seine Verachtung noch gesteigert. Catull zeigt, wie sehr er Gellius hasst, indem er Ausdrücke wie Niedrigkeit, Lasterhaftigkeit, Verderblichkeit und Elend verwendet. Es wäre für Catull unerträglich gewesen, bei jedem Anblick Lesbias an diese Beziehung erinnert zu werden.
Carmen 91
| Vers | Lateinischer Text | Deutsche Übersetzung |
|---|---|---|
| 1 | NON ideo, Gelli, sperabam te mihi fidum | ICH HOFFTE, Gellius, dass du mir treu sein würdest |
| 2 | in misero hoc nostro, hoc perdito amore fore, | in dieser elenden, dieser verderblichen Liebe von mir, |
| 3 | quod te cognossem bene constantemue putarem | nicht weil ich dich kannte oder dich für wahrhaft ehrenhaft hielt |
| 4 | aut posse a turpi mentem inhibere probro; | oder davon ausgehen konnte, deinen Geist von Niedrigkeit und Lasterhaftigkeit fernzuhalten, |
| 5 | sed neque quod matrem nec germanam esse uidebam | sondern weil ich sah, dass sie, deren gewaltige Liebe mich verzehrte, |
| 6 | hanc tibi, cuius me magnus edebat amor. | weder deine Mutter noch deine Schwester war. |
| 7 | et quamuis tecum multo coniungerer usu, | Und obwohl ich durch viel vertraute Freundschaft mit dir verbunden war, |
| 8 | non satis id causae credideram esse tibi. | glaubte ich nicht, dass dies für dich Grund genug wäre. |
| 9 | tu satis id duxti: tantum tibi gaudium in omni | Du hieltst es für genug: so viel Freude bereitet dir jegliches |
| 10 | culpa est, in quacumque est aliquid sceleris. | Laster, in dem etwas Unehrenhaftes steckt. |
