Übersetzung von Catull 48
Einleitung
In diesem Gedicht richtet sich Catull an seinen Geliebten Juventius. Die erste Zeile nennt Juventius’ honigsüße Augen. In der nächsten Zeile erwähnt Catull, wie gerne er sie küssen möchte, falls ihm jemand die Erlaubnis dazu gäbe. Mit Erlaubnis würde Catull sie dreihunderttausend Mal küssen. Und selbst das wäre ihm nicht genug. Daraufhin vergleicht er das Küssen mit einer Ernte, die dichter wäre als reife Ähren. Zugleich gelingt es ihm, eine Doppeldeutigkeit hinsichtlich der Dichte der Küsse und der erwünschten Intensität herzustellen.
Es handelt sich um einen unerwarteten Vergleich, der Küsse einer Kornernte gleichsetzt. Doch wenn man sich ein Feld voller erntereifer Ähren vorstellt, so stünde dieses Feld für eine unvorstellbare Anzahl von Küssen. Wenn das Feld so voll von reifen Ähren ist, scheinen die Ähren einander beinaah zu küssen. Genau dies meinte Catull, als er diesen hyperbolischen Vergleich verfasste.
Dies ist ein liebreizendes Gedicht, das an seinen gleichgeschlechtlichen Geliebten gerichtet ist. Wenn Catull Liebesgedichte an Juventius oder an Lesbia schreiben wollte, verstand es sich, eine Wortwahl zusammenzustellen, die seine Gefühle zum Ausdruck brachte. Man kann sich leicht in dieses Gedicht hineinversetzen, zumal wenn man jemals jemanden so sehr geliebt hat, dass man ihn in Ewigkeit küssen möchte.
Catull liebt Juventius so sehr, dass er niemals ganz befriedigt sein wird. Leider lassen die Grenzen der Gedichtform es nicht zu, dass Catull wahrhaft zeigt, wie sehr er Juventius liebt. Das Gedicht ist als Sechszeiler konzipiert, dessen Metrum typischerweise hendekasyllabisch ist und nur aus einem einzigen vollständigen Satz besteht. In diesen sechs Zeilen enthält er zwei Phrasen mit einem ausgewogenen Satz von Wendungen dazwischen.
Carmen 48
| Zeile | Lateinischer Text | Deutsche Übersetzung |
|---|---|---|
| 1 | MELLITOS oculos tuos, Iuuenti, | Deine honigsüßen Augen, Juventius, |
| 2 | si quis me sinat usque basiare, | wenn mich jemand immer weiter küssen ließe, |
| 3 | usque ad milia basiem trecenta | würde ich sie dreihunderttausend Mal küssen, |
| 4 | nec numquam uidear satur futurus, | noch würde ich je meinen, genug zu haben, |
| 5 | non si densior aridis aristis | nicht einmal, wenn die Ernte unserer Küsse |
| 6 | sit nostrae seges osculationis. | dichter wäre als die reifen Ähren des Korns. |
