Catull 12 Übersetzung
Einleitung
In Catull 12 beschuldigt der Dichter deutlich Asinius Marrucinus des Diebstahls, und zwar nicht einmal eines besonders geschickten. Er behauptet, dass Asinius Marrucinus sich der linken Hand bedient, um Gegenstände an sich zu nehmen, doch solle er sich doch bitte eine bessere Fertigkeit aneignen. Asinius stahl eine Serviette von Catull, und er möchte sie zurückhaben. Die Serviette war ein Geschenk von Veranius und Fabullus, die sie von den Spaniern erhalten hatten.
Catull droht Asinius mit einer Vergeltung in Form von 300 hendekasyllabischen Versen. Dabei handelt es sich um Verse mit elfsilbigen Zeilen nach einem festen metrischen Schema. Diese Versmaße wurden häufig in der antiken griechischen und römischen Dichtung verwendet, sind heute jedoch wegen ihrer Komplexität selten gebräuchlich. In der klassischen Dichtung bestanden die Zeilen gewöhnlich aus einer Mischung von Spondeus, Choriamb und zwei Jamben. Catull verwendete dieses Versmaß häufig, auch in Gedicht 12.
Catull selbst ist es nicht besonders wichtig um die Serviette als solche. Was ihn bewegt, ist vielmehr, dass seine Freunde sie ihm geschenkt haben. Sie ist ein Zeichen der Freundschaft. Wie die meisten Gebrauchsgegenstände im antiken Rom wurden auch Servietten von Hand gefertigt. Dadurch erhielten sie einen Wert, was der Grund dafür war, dass Asinius Marrucinus sie stahl. Doch der materielle Wert ist nicht der Beweggrund für Catulls Schmähung des Mannes, der sie entwendet hat.
Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft dieses Gedichts ist der Name Asinius Marrucinus. Der Name Asinius leitet sich von dem Wort asinus ab, was Esel bedeutet. Kehrt man die Namensfolge um zu Marrucinus Asinius, so bedeutet der Name wörtlich “Sohn eines Esels”.
Catull war mit dem Bruder des Asinius Marrucinus befreundet, Pollio. Sein vollständiger Name lautete Asinius Pollio, und er war im antiken Rom als Dichter, Historiker und Soldat bekannt. Später im Leben bekleidete er politische Ämter. Plutarch nutzte Pollios Geschichtswerke als Quellen für seine eigenen Schriften. Es ist naheliegend, dass Pollio und Catull Freunde waren.
Da Pollio ein angesehener Bürger Roms war, ziemt es sich für Catull, den Bruder wegen seiner Kleinkriminalität zu rügen. Der Name Asinius verdient Besseres. Doch Catull ist über den Diebstahl nicht sonderlich empört, denn seine angedrohte Strafe besteht lediglich darin, Marrucinus 300 Gedichte zu schicken. Hätte Catull echte Verachtung für Marrucinus empfunden, hätte er deutlich härtere Worte gefunden.
Catull erwähnt den saetabischen Stoff in Gedicht 25, als er von einem anderen Dieb spricht, der einige seiner Habseligkeiten entwendet hat. Saetabischer Stoff wurde an der Mittelmeerküste Spaniens hergestellt. Die Gegend heißt heute Xàtiva, und die Bewohner dieser Region waren in der Antike für die Herstellung vorzüglicher Leinenwaren bekannt.
Catull erhielt die Leinentücher von seinen Freunden Veranius und Fabullus. Er erwähnt die Freunde in mehreren Gedichten, doch über die beiden ist wenig bekannt. Da Catull das Geschenk, das sie ihm gemacht haben, schätzt, liegt auf der Hand, dass ihm an seinen Freunden liegt. Da Asinius Marrucinus einen Bruder hat, der ein enger Freund Catulls ist, besteht die Möglichkeit, dass Catull sich wünscht, dass auch Marrucinus ein Freund sein könnte. Es besteht eine Art freundschaftliches Verhältnis, insbesondere in der Art und Weise, wie Catull ihn mit Gedichten zu bestrafen droht. Das Gedicht ist von heiterem Ton, doch scheint es zu zeigen, dass Catull über den geringfügigen Diebstahl ein gewisses Maß an Frustration empfindet.
Carmen 12
| Zeile | Lateinischer Text | Deutsche Übersetzung |
|---|---|---|
| 1 | MARRVCINE Asini, manu sinistra | Asinius Marrucinus, du machst keinen schönen Gebrauch |
| 2 | non belle uteris: in ioco atque uino | von deiner linken Hand, wenn wir lachen und trinken: |
| 3 | tollis lintea neglegentiorum. | du entwendest die Servietten der Unachtsamen. |
| 4 | hoc salsum esse putas? fugit te, inepte: | Hältst du das für einen guten Scherz? Du irrst dich, du Tor; |
| 5 | quamuis sordida res et inuenusta est. | es ist überaus unmanierlich und von schlechtem Geschmack. |
| 6 | non credis mihi? crede Pollioni | Du glaubst mir nicht? Glaube deinem Bruder Pollio, |
| 7 | fratri, qui tua furta uel talento | der es gerne sähe, wenn deine Diebstähle |
| 8 | mutari uelit: est enim leporum | um ein ganzes Talent gelöst würden; denn er ist ein Knabe, |
| 9 | differtus puer ac facetiarum. | der ein Meister alles Witzigen und Unterhaltsamen ist. |
| 10 | quare aut hendecasyllabos trecentos | Erwarte also dreihundert Hendekasyllaben, |
| 11 | exspecta, aut mihi linteum remitte, | oder schick mir meine Serviette zurück, |
| 12 | quod me non mouet aestimatione, | die mich nicht um ihres materiellen Wertes willen bekümmert, |
| 13 | uerum est mnemosynum mei sodalis. | sondern weil sie ein Andenken meines alten Freundes ist; |
| 14 | nam sudaria Saetaba ex Hiberis | denn Fabullus und Veranius schickten mir saetabische Servietten |
| 15 | miserunt mihi muneri Fabullus | als Geschenk aus Hispanien. |
| 16 | et Veranius: haec amem necesse est | Wie könnte ich diese nicht lieben, |
| 17 | ut Veraniolum meum et Fabullum. | so wie meinen lieben Veranius und Fabullus? |
